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Eine kleine Geschichte frei nach Antoine de Saint Exupéry: Der kleine Prinz
Als ich sechs Jahre alt war und, wie so oft, draußen herumstreunerte, fiel mein Blick auf Nachbars Vorgarten.
Es war um die Osterzeit herum, Tulpen hatten die Erde durchbrochen und reckten ihre noch nicht geöffneten Blüten gen Himmel. Neugierig trat ich näher und inspizierte die Blumen, wie das Kinder eben gerne tun. Mein Blick fiel von oben auf die Tulpen und ich entdecktet eine Öffnung an der Stelle, an der sich die Blütenblätter treffen. Das Loch betrachtend, fuhren meine Hände in die stets mit allerlei Krimskrams gefüllten Taschen meiner Hose. Am Abend zuvor waren die Nachrichten wieder voll gewesen mit Berichten über Versuche der Amerikaner und Russen, auf dem Mond zu landen. Ich verstand nicht alles, was sie sagten, doch es beschäftigte mich. Offenbar flogen die Raketen nicht weit genug. Durch meine Phantasie zuckte eine der berühmt-berüchtigten Ideen. Ich würde versuchen, ihnen zu helfen.
Triumphierend zog ich aus den Tiefen meiner Taschen mehrere kleine roten Kracher heraus. Wahre Schätze, die von Fasching übriggeblieben waren. Ich steckte einen Kracher von oben durch das Loch in die Tulpe und fand heraus, daß ihr Inneres wie geschaffen dafür war, dem Kracher Halt zu geben. BUMM.
Der Effekt war nicht wie erhofft, denn die Tulpe hing in Fetzen und der Kracher war nicht aufgestiegen. Ich dachte angestrengt nach. Das Ergebnis war ein neuerlicher Versuch, bei dem ich den Kracher kopfüber in die nächste Tulpe steckte. Das Problem der nun zu kurz gewordenen Zündschnur war schnell gelöst, ich verlängerte sie mit einem Bindfaden, den ich oben aus der Tulpe heraushängen liess. BUMM. Jippie. Der Kracher stieg auf und flog davon. Hochzufrieden machte ich noch einige weitere Versuche und begab mich dann eilig nach Hause, um mit einem Farbstift meine erste Zeichnung zu vollenden.
So sah sie aus:

Ich habe den großen Leuten mein Meisterwerk gezeigt und sie gefragt, ob ihnen meine Erfindung gefalle.
Sie haben geantwortet: “Du hast eine Tulpe erfunden?” Meine Zeichnung stellte aber keine Tulpe dar.
Sie stellte eine Raketenabschußbasis dar, die den großen Leuten helfen sollte, auf dem Mond zu landen.
Ich habe dann das Innere der Tulpe gezeichnet, um es den großen Leuten deutlich zu machen. Sie brauchen ja immer Erklärungen.
Hier meine Zeichnung Nr. 2:

Die großen Leute haben mir geraten, mit den Zeichnungen von offenen oder geschlossenen Raketenabschußrampen aufzuhören und mich mehr für Geographie, Geschichte, Rechnen und Grammatik zu interessieren. So kam es, daß ich eine großartige Laufbahn, die eines Erfinders und Malers nämlich, bereits im Alter von sechs Jahren aufgab. Der Mißerfolg meiner Zeichnungen Nr. 1 und Nr. 2 hatte mir den Mut genommen. Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer wieder alles erklären zu müssen.
Ich lernte einen anderen Beruf und habe im Laufe meines Lebens mit einer Menge ernsthafter Leute zu tun gehabt. Ich bin viel mit Erwachsenen umgegangen und habe Gelegenheit gehabt, sie ganz aus der Nähe zu betrachten. Wenn ich jemanden traf, der mir ein bißchen heller vorkam, versuchte ich es mit meiner Zeichnung Nr. 1, die ich gut aufbewahrt habe. Ich wollte sehen, ob er wirklich etwas los hatte. Aber jedesmal bekam ich zur Antwort: “Das ist eine Tulpe.”
So ist es nur einem glücklichen Umstand zu verdanken, daß ich eines Tages doch noch den Mut fand, meine Bilder von offenen und geschlossenen Raketenrampen, Telefonen, die nicht umfallen, aufblasbaren Handtaschen und vieles mehr bei der Fachhochschule München vorzustellen und mein Diplom als Industriedesignerin abzulegen. Natürlich erst, als ich meinen eigenen Kindern beigebracht hatte, Bilder von offenen und geschlossenen Raketenbasen anzufertigen ;-)
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